Dienstag, 15. April 2014

Consent.




Wenn es im Internet um Beiträge über Magersucht, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Vergewaltigung und ähnliche Themen geht, werden diese oft mit einer Trigger-Warnung versehen. Um Menschen, die selbst von diesen Themen betroffen sind, davor zu warnen, weiterzulesen, weil die Texte und Videos die Leser in ein Loch schubsen können, wenn sie empfänglich dafür sind.

Heute Morgen bin ich über diesen Youtuber-Sex-Skandal gestolpert, von dem ich bisher noch überhaupt nichts mitbekommen hatte. Mir waren nur die ganzen „Consent“-Videos aufgefallen, die in den letzten Wochen gepostet worden waren, und ich hatte mich gefragt woher diese ja irgendwie erfreuliche Entwicklung eigentlich kommt. Jetzt weiß ich es. Und jetzt weiß ich auch wozu diese Trigger-Warnungen gut sind.

Ich persönlich bin zum Glück weder von Essstörungen, psychischer Krankheit oder sexueller Gewalt betroffen oder jemals betroffen gewesen. Trotzdem haben mich die Texte von den vielen Mädchen und Frauen dieser Geschichte zurückgeworfen in eine Zeit meines Lebens, an die ich äußerst ungern zurückdenke. Ich hatte ja schon so manche blöde Episode, aber keine von ihnen veranlasst mich so sehr, sie aktiv zu verdrängen, wie diese. Und offen gestanden weiß ich immer noch nicht wie ich damit umgehen soll. Hauptsächlich fühle ich mich schuldig, und das ist es gerade, was mich echt krank macht.

Die Geschichte geht ungefähr so: 

Ich hatte gerade mein Studium begonnen, lernte viele neue Leute kennen und hatte einen Freund, der etwas anderes studierte und mit meinen neuen Bekannten wenig bis eigentlich gar nichts zu tun hatte. Ich sah von außen also so aus wie eine der vielen Ersti-Mädels, die entweder Single war oder einen Altlasten-Freund irgendwo hatte, der früher oder später eh nicht mehr da sein würde. So weit, so gut. 

Einer der ersten Männer, die ich kennenlernte, war X. Er war einer von denen, die nach außen wahnsinnig viel Selbstbewusstsein transportieren, die Gruppe zusammenhalten und ständig irgendwelche Aktivitäten organisieren. Er lernte innerhalb von Tagen gefühlte Millionen Menschen kennen und ich war eine davon. Die meisten Leute aus diesem Freundeskreis sind noch heute meine engsten Studienfreunde. Dafür bin ich X. dankbar, und dasselbe sagen auch heute noch viele andere aus dieser Gruppe.

Ich für meinen Teil war außerdem zufrieden, dass ich endlich einen männlichen Kumpel hatte. So blöd es klingt, ich hatte mir das schon in der Schule immer cool vorgestellt. Ich kam super mit Kerlen zurecht und hatte mir ein Gegengewicht zu meinem bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich weiblichen Freundeskreis gewünscht. X. mochte mich offensichtlich und wir teilten viele Interessen, und zu Beginn erschien mir das alles ganz hervorragend. 

Aber das änderte sich schon nach wenigen Wochen. Genauer: Auf einem Ersti-Wochenende, wo X. mich aus der Gruppe entfernte und mir sagte, dass er mehr von mir wollte. Mir war sofort klar, dass ich keinerlei derartige Gefühle ihm gegenüber hegte. Und das sagte ich ihm auch (die Tatsache, dass ich in einer Beziehung war, hatte als Signal offenbar nicht ausgereicht). Und ich war naiv genug zu glauben, dass meine Antwort das Thema ad acta legen würde. Also ging ich nach diesem Wochenende weiter alleine zu ihm nach Hause und verbrachte Zeit mit ihm. Ich wollte ihn als Freund einfach nicht verlieren, ich hatte mich schon an uns gewöhnt. 

Irgendwann nahm er meine Hand, als wir abends gemeinsam fernsahen. Und genau hier fängt mein Schuldbewusstsein an. Ich war jung, ich hatte Angst, ihn zu verprellen. Ich tat nichts und saß da wie versteinert. Genauso saß ich da, wenn er wieder anfing, mir zu erklären, dass er mit mir zusammen sein wolle. Wie gut wir zusammenpassten. Dass er keine andere so tolle Frau wie mich kannte. Ich guckte angestrengt in eine andere Richtung und schrieb ihm stattdessen in Briefen und Nachrichten, dass ich das auf keinen Fall wollte. Ich ignorierte dass er mir bei der Begrüßungsumarmung ständig an den Hintern fasste. (Wenn ich das heute schreibe, wird mir schlecht, und ich kann es kaum glauben.) Ich ignorierte, dass er mich ständig auf sein Sofa warf und kitzelte und eine körperliche Nähe forcierte, die ich nicht wollte, wie ich ihm mehrfach gesagt, geschrieben und gezeigt hatte. Ich ignorierte, dass er mit auf das Sofa kam mitten in der Nacht, als ich bei ihm übernachtete. Ich muss klarstellen, dass wir uns nie geküsst haben, geschweige denn irgendwas getan haben, was darüber hinaus ging. Er hat mir nie irgendetwas greifbares „angetan“. Trotzdem fühlte ich mich für eine lange Zeit einfach nur schrecklich. Und wenn ich heute daran zurückdenke, tue ich es noch immer. 

Am schlimmsten ist für mich dieses Schuldgefühl.Wieso habe ich nicht deutlicher gesagt, was ich wollte und insbesondere, was ich NICHT wollte? Wieso habe ich ihm nicht einfach eine geklatscht, als er mich anfasste, immer wieder? Wieso bin ich immer wieder hingefahren zu ihm, trotz seines Verhaltens? Wieso habe ich mich geschämt, es meiner besten Freundin zu sagen, die auch mit ihm befreundet war? Wieso gehören manche dieser Ereignisse zu den einzigen Dingen, die meine Schwester nicht von mir weiß? Wieso habe ich es vor meinem damaligen Freund immer heruntergespielt? Wieso tue ich noch heute so, als sei das eine witzige Geschichte, wenn die anderen aus meinem Freundeskreis sich daran erinnern, wie X. damals immer allen erzählt hat, wir hätten etwas miteinander? 

Ich verstehe es immer noch nicht. Die Person, die ich heute bin, würde es niemals so weit kommen lassen. Vielleicht hat mich diese Zeit auch dazu gebracht, sensibler für solche Dinge zu sein und mich besser zu informieren. Aber wieso habe ich noch immer ein schlechtes Gewissen wegen dieser Sache? Wieso halte ich mich immer noch für mitschuldig? Habe ich etwas falsch gemacht?

X.ist vor kurzem mit seiner Freundin weggezogen. Er hat zu niemandem aus der Gruppe von damals noch Kontakt. Nur zu meiner besten Freundin. Und zu mir.
Er hat sich in mancherlei Punkt bestimmt geändert und weiterentwickelt. Ich sage „bestimmt“, weil ich es nicht weiß. Und weil ich sehe, was ich ihm noch zu verdanken habe (wie hätte ich sonst meine Freunde kennengelernt in der ersten Zeit?). Und weil er mir irgendwie Leid tut, weil sich früher oder später alle von ihm abwenden.Und weil ich noch immer nicht schlecht über ihn reden will.

Nachdem ich heute Morgen all diese Berichte gelesen habe, ist mir jedoch klar geworden, dass er damals genau das auch mit mir gemacht hat. Mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil ich ihn nicht wollte. Meine persönlichen Grenzen konstant und konsequent  missachtet. Meine nicht vorhandene Zustimmung ignoriert. „Consent“. 

Ich bin nicht sicher ob ich diesen Post veröffentlichen will.

Ich wundere mich eigentlich gar nicht mehr darüber, wie wenig Missbrauch aufgeklärt wird, wenn mich schon diese im Vergleich wirklich lächerliche Geschichte dazu veranlasst, mich nach vielen Jahren immer noch schuldig zu fühlen.

Montag, 7. April 2014

Es könnte auch einfach sein.




Lang Leav


Jetzt stehe ich hier, einen Tag vor der wichtigsten Prüfung meines bisherigen Lebens, und das Timing ist beschissen, und ich schaue auf mich selbst und kann es einfach nicht verstehen. Ich habe alle Fakten, ich kenne die Geschichte, ich weiß um die Nuancen und die Fallstricke und um alle Details, und trotzdem verstehe ich es nicht. Oder ich will es einfach nicht verstehen.

Da bin ich. Ich bin 26 Jahre alt und hatte mehr oder weniger seit meinem 18. Lebensjahr meistens irgendeinen Freund.
Und dann hatte ich ihn. Schon im ersten Moment als ich ihn sah hat er mir gefallen, und das passiert mir selten. Und nach einem Vierteljahr waren wir ein Paar, und ich weiß noch wie ich mit ihm in meinem alten Zimmer auf meinem Bett lag und dachte, es wäre so schön, wenn es so bleiben könnte, denn es gibt keinen anderen, der mich so bezaubern könnte wie er. Er war perfekt. Lustig und wahnsinnig klug und liebevoll und gutaussehend und groß und verrückt. Und wir waren und sind immer noch eins von diesen Paaren. Jeder, der uns mal zusammen gesehen hat, hält uns für ein Traumpaar. Das sage ich nicht, weil ich uns selbst so wahrnehme, sondern weil es mir Leute gesagt haben und ich mich gewundert habe, wie deutlich wir das offenbar auf unsere Umwelt abstrahlen. Obwohl wir inzwischen natürlich nicht mehr so sind wie vor 5 Jahren. Wir sind keine 20 mehr, wir sind nicht mehr nur 2 Studenten, und wir sind nicht mehr nur 2 Kinder. 

Leider sind wir auch keine 2 unschuldigen Partner mehr füreinander. Auf der Hälfte der Strecke hat er sich von mir entfernt und sein anfängliches Bild von mir unrettbar beschädigt. Das ist einfach so. Obwohl er sofort wieder da war hinterher und nachher nie wieder weg. Er wird nie wieder dieser 20-jährige sein für mich, der mich nie verletzt hat. Er wird stattdessen immer derjenige sein, der mich so sehr geliebt und so sehr verletzt hat wie noch keiner zuvor. Inzwischen ist es 3 Jahre her, und es ist wirklich wahr: Es waren 3 sehr glückliche Jahre. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich nicht, was er damals getan hat. Ich sehe nur, dass er mich aufrichtig und zweifellos liebt. 

Aber ich sehe auch, was sich seither an mir verändert hat. Denn obwohl ich nie etwas ansatzweise Vergleichbares getan habe wie er, hat sich bei mir irgendwie eine Lücke gebildet. Ein Spalt der vorher nicht da war, nie. Und jetzt zwängen sich da in schöner Regelmäßigkeit Gedanken und Zweifel durch, die vorher einfach an mir abgeprallt sind. Kann ich damit wirklich leben? Oder bleibt dieser kleine Pieks jetzt für immer? Dieses: Ich war besser zu dir als du zu mir. Und wenn es nicht geht mit ihm, was bekomme ich stattdessen? Muss es nicht neben dem was wir uns aufgebaut haben zwangsläufig verblassen? 

Und das Schlimmste an all dem ist: Durch diesen Spalt passen nicht nur Gedanken. Ich befürchte, dass sich da ein Mensch durchgeschlichen hat. Denn anders kann ich mir nicht erklären, dass dieser Mensch mir schon seit fast 3 Jahren im Kopf herumspukt und einfach nicht verschwinden will. Erst nur nicht aus meinem Kopf. Jetzt auch nicht mehr aus meinem Leben. Und ich sehe diesen anderen Menschen an und es ist so anders als damals bei uns. Ich sehe ihn an und starre nur auf seine Mängel, auf alle Unsicherheiten, auf alles Schlechte, was ich von ihm weiß, um zu vergessen, was gut an ihm ist, wie er über meine Sprüche lacht, wie er mich manchmal anguckt, wie er sich über mich freut, was für ein Gefühl er mir gibt, ich denke nur immer „Erinnere dich an das Schlechte, erinnere dich an das Schlechte, erinnere dich an das Schlechte.“ 

3 Jahre geht das schon so. Mal mehr, mal weniger. Und alles während ich ihn habe und liebe und mein Leben mit ihm plane.

Es fällt mir immer schwerer, so zu tun, als sei das normal.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Auch ich habe ein Mobiltelefon.

Dieser Eintrag sprüht nicht gerade vor Kreativität oder Individualität. Aber da ich ja seit neuestem stolze Smartphonebesitzerin bin und mit dem Ding allerhand anstelle, wenn mir langweilig ist (ab und zu mach ich dicke Kratzer ins Display, dann mach ich ein paar Fotos, dann lass ich es fallen...ihr wisst wovon ich spreche), und auch weil ich gerade kein besseres Material zu verteilen habe, und bunte Bilder mag, und weil ich für Qualitätsposts gerade viel zu verkatert bin (Gott segne die Abende vor Feiertagen!), gibt es nun einen Instagram-Post von mir.


1* Aussichten beim Nach-Hause-Gehen, damals, als noch Sommer war
2* Meine Beine und 10-Euro-H&M-Schlappen (die einzig wahren Ballerinas)
3* Cara
4* Fashion Nightmare (jep, ich war schon mal besser im Portraitieren...)
5* gruselige DIY-Fenster-Deko (nicht meine eigene, möchte ich anmerken!)
6* Urlaubslektüre. Jeder in diesem Buch nervt. 
7* Sicht von einem meiner allerliebsten Lieblingsbalkone
8* Eine von vielen Stationen
9* die besten Haribos der Welt


1* So viel Welt, so wenig Zeit
2* Ich liebe Flughäfen.
3* Wandern in Amerika
4* Sieht aus wie Kanada. Fast.
5* Martha's Vineyard
6* Es gibt sie doch: Treffende Autosticker
7* Ich hatte mein Buch ausgelesen und mir war langweilig
8* Cape Cod
9* Eine der 203 488 312 939 Flaggen.


1* Gekritzel
2* Die besten Smoothies seit Erfindung des Mixers
3* Central Station
4* Guggenheim Museum, grüne Phase
5* Central Park
6* Dunkin Donuts im Herbst = Pumpkin Donuts!!!
7* Mali (siehe Anmerkung zu Portraits oben)
8* Hallo New York
9* Indian Summer, zumindest fast.


1* Yellow Cabs aus einem Yellow Cab raus fotografieren
2* Martinique verfolgt mich bis heute...
3* Top Of The Rocks (Touri Shot, jawohl)
4* Einmal mit dem Boot um Manhattan
5* Brooklyn Bridge
6* Klostergarten
7* Nadal bürstet Kohlschreiber weg, schluchz
8* the Met
9* Fähre fahren und nicht einschlafen.

Ich werde mich nun in die Küche begeben und dort nach einem Rollmops oder etwas vergleichbarem suchen. Wünsche allen einen schönen Feiertag! :)

Samstag, 28. September 2013

Mein Kopf ist ein Container.




Es ist so. Ich bin gerade auf einer onkologischen Station, das heißt, dort liegen Patienten mit Krebserkrankungen. Und weil mein Assistenzarzt nett ist und ich mit ihm alleine bin und deshalb viel helfen kann, gefällt es mir dort gut. Die meisten Schwestern und Pfleger sind lieb, es gibt immer Kaffee und meistens darf ich pünktlich gehen, und wenn nicht, macht es mir nichts aus. Die meisten Nicht-Mediziner werden instinktiv denken, wie kann es einem denn auf einer Krebsstation gefallen? Und die Frage habe ich mir vor Antritt dieses Praktikums auch gestellt. Ich habe zwar bemerkt, dass das Studium mich schon verändert hat und mir die schlimmsten Geschichten nicht mehr persönlich nahe gehen, im Sinne von, in Tränen ausbrechen am Patientenbett oder ähnliches. Reaktionen, die oft nur menschlich und angemessen wären. Mein Gehirn hat sich verändert. Ich lese eine Diagnose, weiß, was sie bedeutet, sehe, wie ein Mensch im Bett liegt und nett ist und sympathisch und vielleicht nur 10 Jahre älter als ich, oder sogar nur so alt wie mein kleiner Bruder, und ich denke: Schöne Scheiße. Aber ich fühle mich nicht schlecht. Ich kann den Typen im Bett anlächeln und ihm Mut machen. Und ich gehe raus und muss nicht heulen. Ich denke: Das Leben ist grundsätzlich ungerecht. Und deshalb vielleicht doch gerecht? 

Aber seit ein paar Tagen merke ich, dass es doch nicht geht. Ich bin dafür nicht gemacht, weil ich zu viel grüble. Denn: Wenn das Leben nicht gerecht ist und man ein noch so guter, sich gesund ernährender, nicht rauchender, nicht trinkender, normaler Mensch ohne familiäre Vorerkrankungen sein kann, und trotzdem innerhalb von einem halben Jahr komplett verwelkt, ohne dass irgendjemand wirklich etwas dagegen tun kann- was heißt das für mich? Es kann mich jederzeit treffen. Es kann jeden jederzeit treffen. Und das schlimmste ist: Es wäre das normalste der Welt. Wenn ich eins gelernt habe in meiner Zeit im Krankenhaus, dann doch, dass jede Lebensgeschichte zumindest eine Tragödie beinhaltet. Sei es, dass es dich selbst trifft, sei es, wie bei dieser alten Frau in Zimmer 3, dass es deine Kinder trifft bevor du selbst dran bist. Und ich sehe es um mich herum, in meinem Freundeskreis. Menschen machen klitzekleine Fehler und sind tot, oder schwer behindert, oder sie machen keine Fehler und sind es trotzdem. Das ist Normalität. Das ist unsere Welt, unser Leben. Was heißt das für mich?

Ich möchte jeden Tag genießen, an dem mein Leben unberührt ist von Tragödien. Bisher ist mir noch nichts wirklich Schlimmes passiert. Im Angesicht der Geschichten auf meiner Station sind die Rückschläge und die gesundheitlichen Probleme der letzten Jahre wirklich klein und zu bewältigen. Oft sitze ich allein in meinem Zimmer und denke an meine Liebsten und bekomme solche Angst, dass irgendwann der Tag kommt, wo einer von ihnen vom Zufall berührt wird. Tragödie halt.

Aber es gelingt mir nicht immer. Auch das ist menschlich, vermute ich. Heute Morgen saß ich eine halbe Stunde heulend an meinem Schreibtisch weil ich einen schlimmen Lippenherpes habe und mich deshalb so schäme. Lippenherpes! Weder selten noch tödlich.  Und ich sitze da und heule und denke an meine Station und möchte mit dem Kopf gegen die Wand rennen, weil ich manchmal einfach so ein lächerliches, undankbares Wesen bin. Aber ich höre deshalb nicht auf zu heulen. Oder beim Weggehen zu trinken und dazu mal 2, 3 Zigaretten zu rauchen. Manchmal vergesse ich meinen Fahrradhelm zu Hause. Manchmal radle ich betrunken heim. Manchmal lasse ich das Frühstück weg. Manchmal habe ich keine Lust auf Sport. Manchmal bin ich gemein zu den Menschen, die mir am wichtigsten sind, obwohl sie im nächsten Moment weg sein könnten. Weder selten noch tödlich. Sondern Normalität.

Dieser Text ist nicht konklusiv und führt  auch nicht zu einer großartigen Erkenntnis. Er zeigt mir nur, dass ich keine Onkologin werden kann. Weil ich nach der Arbeit nach Hause gehe und grüble und an den Tod Tod Tod denke und sehe, wie die Zeit verrinnt, und einen Text schreibe darüber.
Ich nehme die Klinik mit nach Hause. Man hat mir gesagt, das solle man tunlichst vermeiden.